Gesundheit, Krankheit und Heilung? - Kritik am Umgang mit den Begriffen.

Krankheit ist laut Wikipedia die Störung der normalen Funktion des ganzen Organismus oder eines Organs. Andere Quellen sprechen von Krankheit als der Einschränkung individueller Handlungsfähigkeit. Im Recht wird von einem „regelwidrigen Körper- oder Geisteszustand“ gesprochen. In der Medizin ist „krank“, wer einen „pathologischen Befund bietet“. Scheinbar wissenschaftlich objektiv und methodisch korrekt kann anhand von Diagnoseschlüsseln, -katalogen und Klassifikationssystemen bestimmt werden, ob und welche Krankheit vorliegt.

Wer als „krank“ diagnostiziert wurde, wird mit Hilfe bestimmter Verfahren „behandelt“. Das Umfeld der „kranken“ Person reagiert häufig verunsichert, findet keine Worte, meidet den Kontakt oder „unterstützt“ durch analysierendes Mitleid („du hat's schon schwer“), was jedoch oft keine Hilfe für die Betroffene ist. Das Meiden von „Kranken“ im direkten Umfeld entspricht im gesellschaftlichen Rahmen der Stigmatisierung und Ausgrenzung von Betroffenen der Diagnostik. „Behinderte“, „psychisch Kranke“, Menschen, deren Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist, werden nicht „für voll“ genommen und daher bevormundet und entmündigt. Wichtige Entscheidungen auch bezüglich ihrer „Behandlung“ werden ihnen mitunter abgenommen. Dies kann durch das Vorenthalten von wichtigen Informationen, durch das unter Druck setzen mit angeblicher Dringlichkeit oder durch die Kommunikation der eigentlichen Inhalte mit den Angehörigen geschehen.

Auf dieser Kultur des Umgangs mit „Krankheit“ aufbauend ist Beleidigung und Diskriminierung von „Kranken“ die logische Konsequenz, über die sich niemand empören muss, die oder der schon mal über statt mit einem „Kranken“ geredet hat. Es gibt unzählige Beschimpfungsmöglichkeiten von „du bist doch krank“ über „Psycho“ bis „Spasti“ die, selbst wenn sie im „Spass“ gesagt sind, für mich die Spitze des Eisbergs oder Symptome einer tief sitzenden gesellschaftlichen Nicht-Akzeptanz von „Diagnostizierten“ darstellt.

Diagnosen zu stellen ist eine Möglichkeit, Menschen, die anders sind, die nicht innerhalb des herrschenden Systems „funktionieren“, durch angeblich objektive wissenschaftliche Korrektheit legitimiert auszugrenzen. Ohne schlechtes Gewissen. Doch auch was als wissenschaftlich erwiesen angesehen wird unterliegt dem Fluss der Zeit. Wissenschaft ist Handeln in der Gesellschaft und von der jeweiligen Kultur abhängig. In der Renaissance war Fettleibigkeit ein Statussymbol, im Nationalsozialismus wurde nach „wissenschaftlichen“ Kriterien zwangssterilisiert und erst am 17.05.1990 wurde Homosexualität aus dem WHO Katalog psychischer Krankheiten genommen.

Wer „krank“ und wer „gesund“ ist, wird also von Gesellschaft und Kultur sowie darin herrschenden Normen, Gesetzen und Regierungen bestimmt. „Krank“ ist in diesem Denksystem ein Beurteilungsterminus der zur Fremdbezeichnung dient: Den Betroffenen wird gesagt, welcher Diagnoseschlüssel auf sie zutrifft, was sie sind. Verbunden mit der Abnahme von Verantwortung, Entmündigung und planmäßigen „Behandlung“. Dieses Vorgehen kann bei den Betroffenen Ärger über das nicht als Mensch gesehen werden, die Klassifizierung und Ausgrenzung auslösen, aber auch zur Aufgabe von Verantwortung für das eigene Wohlbefinden („das machen die Ärze schon“) und im Extremfall zu Ablehnung von und Hass auf den eigenen Körpers führen. Ein Körper, über den andere sagen er sei „in der Pubertät“ oder „behindert“ ohne nach den Gefühlen und der Selbstwahrnehmung der Betroffenen zu fragen. Ja, ich bin wütend.

Die einzige Möglichkeit des Umgangs mit diesem Thema, die ich mir vorstellen kann, ist die Verantwortung für den eigenen Körper nicht abzugeben. Nur ich kann sagen, wie es mir geht, ob ich in meiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt bin und ob und welche Unterstützung ich benötige. Ärzte können mit ihrem geschulten Blick und ihren technischen Geräten bei der Beobachtung unterstützen, jedoch sollten sie meiner Meinung nach niemals diagnostizieren, analysieren oder beurteilen. Auf der Grundlage der Informationen von Expert_innen wäre eine eigene Bewertung und Entscheidung möglich.

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass arme Menschen im Durchschnitt eine geringere Lebenserwartung haben als wohlhabendere. Ausgegrenzte Menschen leiden häufig länger an körperlichen Leiden als angenommene Menschen, da erstere zusätzlich mit von Diskriminierung hervorgerufenen psychischen Beschwerden zu kämpfen haben. Wohlbefinden ist also nicht für alle gleichermaßen zugänglich. Isolation, Leistungsdruck und Konkurrenzkampf sowie die durchdringende Kommerzialisierung aller Lebensbereiche inklusive des „Gesundheitswesens“ und mediale Dauerbeeinflussung mit Leitkultur, lösen bei vielen Menschen beispielsweise Unbehagen, (Zukunfts-)Angst, Stress und Depressionen aus.

„Krankheit ist die gesunde Reaktion auf eine kranke Gesellschaft“ ist ein Slogan, der die Unmöglichkeit weitgehenden Wohlbefindens im herrschenden System des Kapitalismus benennt. Wird diese Analyse zum Lebensmotto, so kann auch dies zur Aufgabe der Selbstverantwortung führen. Ähnlich wie bei religiösen Fanatiker_innen scheint „Krankheit“ hier wahlweise als Strafe Gottes oder unausweichliches, unerbittliches Schicksal. Gesellschaft hat definitiv Mitverantwortung für unser Wohlbefinden, doch sollte die Handlungskompetenz nicht aufgegeben werden, sondern gemeinsam in Gruppen in gegenseitiger Unterstützung neu gestärkt werden.

Wenn spirituelle Ansätze oder andere „Lehren“ oder Einzelpersonen von „Heilung“ sprechen, stimmt mich das skeptisch. Ich halte einen heilen Zustand, vollständige Heilung für eine Illusion, ein falsches Versprechen, nicht nur aber vor allem auch in einer Gesellschaft wie der unsrigen. Niemand ist je ganz perfekt und heil. Darauf zu hoffen, versetzt in einen wartenden, nie endenden Zustand, in dem wenig Handlung nach außen möglich ist.

Statt von „Krankheit“ zu reden, können Leiden benannt werden. Statt von „Heilung“ kann von Weiterentwicklung oder Lernen gesprochen werden. Für professionelles Beobachten, respektvollen Umgang und selbstbestimmte Befindlichkeit.
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