Flucht und Migration vor den Toren Europas

Zwei Veranstaltungen der AG Kritische Uni im Wintersemester 09/10

03.11.2009 - Dokumentarfilm Harraga

Kritische Doku über Bootsflüchtlinge zwischen Tunesien und Italien und die Fragen nach dem Schiffbruch der Bewegungsfreiheit am Offenen Meer mit anschließender Diskussion

  • Wo: Int-Club der TU Kaiserslautern, 12-168
  • Wann: am Dienstag, 03.11.2009 um 19.00 Uhr
  • (Eintritt frei, es gibt Kekse)

Zum Inhalt: Sobald du am offenen Meer bist, siehst du überall nur mehr Wasser und Himmel. Du verlierst total die Orientierung und weißt nicht mehr, in welche Richtung sich das Boot bewegt.
Der dreißigjährige Bauer Khaled sitzt auf einem Felsen am Strand einer kleinen Ortschaft an der Nordostküste Tunesiens und blickt auf das Meer hinaus. Er befindet sich an dem Ort, an dem seine Versuche, über das Meer aus Tunesien zu entkommen, ihren Anfang nahmen. Gemeinsam mit seinem Freund Ghabsi, mit dem er in einem kleinen Fischerdorf in Nordtunesien aufgewachsen ist, hat er fünfmal die gefährliche Überfahrt nach Italien in einem Schlauchboot versucht. Fast jedes Mal wurden sie sogleich wieder abgeschoben.

Harragas sind sie, ein Wort das im gesamten maghrebinischen Raum diejenigen bezeichnet, die sich selbst oft als verlorene Generation sehen. Lieber nehmen sie den möglichen Tod im Meer in Kauf, als tatenlos in der erzwungenen Perspektivenlosigkeit zu erstarren.

Während Bilder über anonyme Menschenmassen, die jeden Sommer in Booten die Küsten Südeuropas erreichen, unser Bild über Flucht und Migration prägen, kommen die Betroffenen selbst so gut wie nie zu Wort. Im Versuch, dieses von Außen auferlegte Schweigen zu durchbrechen, haben die beiden Sozialanthropologiestudentinnen Annika Lems und Christine Moderbacher sich mit minimalsten Mitteln auf eine filmische Spurensuche nach dem Phänomen der Harragas gemacht. Der Film bewegt sich scheinbar nahtlos zwischen den nationalstaatlichen Grenzen Tunesiens und Italiens hin-und her und zeigt die Brüchigkeit der sogenannten 'Festung Europas' und die Unmöglichkeit, Menschen in ihrem Drang nach Fortbewegung zum Erstarren zu bringen.


10.11.2009 - Vortrag: Stefan Schmidt, ehemaliger Kapitän der Cap Anamur

  • Wo: Int-Club der TU Kaiserslautern, 12-168
  • Wann: am Dienstag, 10.11.2009 um 19.00 Uhr
  • (Eintritt frei, es gibt Kekse)

20.000 bis 30.000 Flüchtlinge sterben pro Jahr im Mittelmeer bei dem Versuch, auf zumeist seeuntüchtigen Booten nach Europa zu gelangen.

Im Juni 2004 haben Elias Bierdel und die Crew des Schiffs “Cap Anamur” 37 Bootsflüchtlinge aus Seenot gerettet. Wegen dieser nach internationalen Seerechtskonventionen selbstverständlichen Hilfeleistung sind sie seit November 2006 vor einem Gericht in Sizilien wegen Beihilfe zur “illegalen Einreise” angeklagt. (Der Freispruch Mitte Oktober diesen Jahres ist noch nicht rechtskräftig)

Stefan Schmidt berichtet, wie es um die Einhaltung der Menschenrechte an den EU-Aussengrenzen steht und welche Entwicklungen mit der zunehmenden Militarisierung des Grenzschutzes zu erwarten sind.

Borderline Europe - Menschenrechte ohne Grenzen e.V. http://www.borderline-europe.de/


Nachlese der KU-Veranstaltungen

Am 03.11. präsentierte die AG Kritische Uni (mit Unterstützung des AStAs und des IntClubs) den Film "Harraga" - eine Dokumentation über Bootsflüchtlinge aus Afrika auf ihrem Weg nach Europa. Die Macher_innen interviewen dabei zwei Migranten, zwei die den beschwerlichen Weg nach mehrfachem Anlauf geschafft haben. Einer von ihnen konnte sich eine Existenz aufbauen, der andere wurde abgeschoben. Sie sprechen über ihre Gründe, das Leben in Europa, ihre Gefühle bei der Fahrt und ihrer Sehnsuch nach einem besseren Leben.
Auch werden Menschenrechtsaktivist_innen, Politiker_innen und Künstler_innen zu Wort kommen lassen, die ihre Sicht "von außen" - als nicht nicht selbst geflüchtete - wiedergeben.
Ein sehr interessanter Film, der gut in die Migrationsproblematik einführt - was die 15 bis 20 Anwesenden dazu veranlasste, in eine lange Diskussion einzusteigen. Ein Studierender aus Tunesien, der an der TU KL eingeschrieben ist, erzählte von der Situation vor Ort und seiner Wahrnehmung der Migrationsgründe. Er stellte sich vermehrt auf den Standpunkt, dass der ökonomische Druck in seinem Herkunftsland nicht so groß sei, dass es für viele attraktiv wäre zu flüchten. Andere Teilnehmer zeigten den Zusammenhang zwischen der ökonomischen Macht Europas gegenüber den Ländern des Südens auf und den Fluchtursachen auf. Ebenso wurde auf die Abschottung Europas durch die militärische Kontrolle des Mittelmeers eingegangen, die mit dafür verantwortlich ist, das Tausende bei der Überfahrt sterben, oder ohne Prüfung ihrer Asylgründe abgeschoben werden.

Insgesamt eine sehr spannende Veranstaltung, die mit dem Vortrag von Capt. Stefan Schmidt am 10.11. passend fortgesetzt wurde. Er war Capitän der "Cap Anamur", einem Hilfsschiff für Menschen in Not, als sie im Jahre 2006 37 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer aus Seenot gerettet hatten. Daraufhin begann eine mehrtätige Odyssee über das Mittelmeer, um einen Hafen zu finden, in dem die Flüchtlinge von Bord gehen können. Italien verweigerte unter Einsatz von Militärschiffen die Einreise, die internationale Presse berichtete über den Fall. Während im Ausland das Verhalten der italienischen Regierung im Vordergrund stand, wurde in Deutschland die Besatzung der "Cap Anamur" und vor allem der ehemalige Leiter der Hilfsorganisation, Elias Bierdel, für die Situation verantwortlich gemacht. Capt. Schmidt zeigte anhand zweier "Panorama" Beiträgen und einem Bericht über die "Neutralität der Medien" die Verdrehungen und Falschbehauptungen in der damaligen Berichterstattung auf. Die Odyssee endete in einem italienischen Hafen, nachdem Capt. Schmidt vom Seenotrecht gebrauch gemacht hatte. Für die Flüchtlinge zuerst der sichere Weg an Land, danach wurden aber fast alle vom italienischen Staat abgeschoben. Den drei Hauptverantwortlichen an Bord wurde der Prozess wegen Menschenschieberei gemacht. Dieser ist erst vor wenigen Wochen mit einem Freispruch für Bierdel, Schmidt und den ersten Offizier ausgegangen, der Staatsanwalt kann aber noch Berufung einlegen.

Nach knapp zwei Stunden Medienanalyse und Erlebnisbericht gab es noch eine kurze Fragerunde. Die meisten schienen aber nach dem bis dato Gehörten so angefüllt zu sein, dass keine lange Diskussion mehr entstand, dafür aber ein umso längerer Applaus für den gelungenen Vortrag.


Die AG Kritische Uni im Sommer 2009

In den letzten Monaten ist es recht ruhig um die AG Kritische Uni geworden. Viele der "alten" Mitstreiter_innen sind nicht mehr an der TU Kaiserslautern und die Verbleibenden haben sich teils zusätzliche Betätigungsfelder gesucht, auch da der Rückhalt an der TU zu schwinden schien. Nichtsdestotrotz besteht aber unsererseits weiterhin Interesse den normalen Uniablauf, die Hochschulpolitik und das Gelehrte kritisch zu hinterfragen. Dazu suchen wir Mitstreiter_innen unter den Studierenden, die nicht alles unhinterfragt über sich ergehen lassen, sondern aktiver Teil in den Auseinandersetzungen rund um den Umbau der Hochschulen zu Lernfabriken (mit dem "Produkt" Absolventen), der gefühlten und realen Entpolitisierung der Studierendenschaft, der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und und und... werden wollen. Gemeinsame Aktivitäten können im Diskutieren, dem Organisieren und Besuchen von Veranstaltungen und Demos sein, und natürlich in allem anderen, was euch und uns als sinnvoll erscheint, das Bestehende zu hinterfragen und zu verändern.
Wenn ihr Interesse habt meldet euch einfach über agku "at" gmx.de oder besucht unser wieder ins Leben gerufene Mittagessen am ersten Freitag im Monat um 11:45 Uhr in der Mensa. Aus der Ausgabe raus und dann ganz nach links gehen, in die Höhe der alten Salatbar.
Die alte KU Seite http://www.merten-home.de/kritischeuni/ dient zur Zeit als Archiv vergangener Veranstaltungen von 1997 bis 2007 und wird hoffentlich wie dieses wiki bald wieder mit neuem Leben gefüllt.

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